Winterfreuden auf dem Altiplano

Potosi, Sucre (01.07.-12.07.2002)

Nachdem unerwarteten und von den Bolivianern als voruebergehend eingestuften Wintereinbruchs verlassen wir Uyuni auf teilweise verschneiten und vereisten Bergschotterpisten. Die Kakteen tragen weisse Haeubchen. Wir kommen uns vor wie Hannibal in den Alpen. Ein Blick zurueck auf Uyuni: das kreisrunde Staedtchen am Beginn einer unendlichen Ebene. Halb weisses Salz, halb braunrote Wueste. Mit der Aussenwelt verbunden durch zwei Schotterpisten (6-8 Stunden Fahrt in der Trockenzeit) und einer unzuverlaessigen Bahnlinie (max. 4 Zuege pro Woche). Das ist Infrastruktur in Bolivien.

Unerwartet puenktlich faehrt unser Bus in Potosi ein. Die 100000 Einwohner der STadt leben auf bescheidenen 4080 m und traditionell vom Bergbau. Das Wahrzeichen ist der Cerro Rico - der reiche Berg. In diesem Berg graben 6000 Bergleute unter archaischen Bedingungen nach Silber, Zinn und was wissen wir noch was. Vor 10 Jahren waren es noch 25000, aber der Weltmarkt und die liberale Wirtschaftspolitik fuehrten zum Zusammenbruch der Minengesellschaft. Frueher war alles einfacher. Die Spanier beschaeftigten die Einheimischen einfach als Sklaven, praegten ihre Silbermuenzen und verschifften sie nach Spanien. Die Muenzpraege in der Casa de la Moneda ist ein Beispiel fuer diese fruehe Art der Globalisierung. Die Maschine stammt aus dem Spanien des 17. Jahrhunderts, die Chefs auch, die Arbeiter gabs vor Ort und der Gewinn ging ins heimische Europa. Aendern sich die Zeiten wirklich?

Auch fuer uns aendern sich die Zeiten wenig. Es bleibt saukalt und wir gehen ins Kino. Szenen aus "El senor de los annillos" (Der Herr der Ringe) passen zu gut zu Potosi. Wir denken an die Mine Moria und den Schneesturm auf dem Pass. Mit weiteren 10 Kinobesuchern teilen wir uns den 300 Plaetze Saal und stellen fest, dass wir etwas wichtiges fuer einen Kinobesuch vergessen haben. Popcorn? Saure Staebchen? Nein, die Wolldecke natuerlich. Warum sollte das Kino beheizt sein, wenn nicht mal die Wohnungen eine Heizung besitzen.

Am naechsten Morgen bei klirrender Kaelte raus aus dem Schlafsack, in Unterhose ueber den Innenhof bis zur hochgelobten und bestimmt einzigen Heisswasserdusche Potosis. Die Tuer ist abgeschlossen!!! Vom Balkon versucht mit eine ein Tour in die Minen zu verkaufen. Aber eigenlich sind Bolivianer freundliche Menschen, verstehen Ausnahmesituationen und so bekomm ich den Schluessel ohne einen Vertrag zu unterschreiben. Zum Verstaendnis ist es jetzt wohl an der Zeit, auf das Thema Duschen naeher einzugehen:

Einschub "Duschen"

Fragt man einen laengere Zeit durch Suedamerika gereisten Europaer, was er denn am meisten vermisse, kommt mit ziemlicher Sicherheit "eine richtig heisse Dusche" auf den vordersten Plaetzen. Warum? Dazu bedarf es einer Erklaerung des suedamerikanischen Heisswasser-Prinzips: jede Heisswasserdusche ist von Grund auf eigentlich immer eine Kaltwasserdusche. Ein kleiner weisser Zauberapparat, fest mit dem installierten Duschkopf verbunden macht den entscheidenden Unterschied. Dieser Zauberapparat erhitzt das Wasser mit der Hilfe von Strom. Seine Leistung bleibt dabei immer gleich - wenn viel Wasser kommt, wird das Wasser ein kleines bisschen waermer als eiskalt, kommt nur eine minimale Wassermenge, kann man es fast bis auf europaeische Duschtemperaturen heiss bekommen. Diese Heisswassertechnik fuehrt dazu, dass man nie richtig duscht, sondern immer nur versucht, die warmen Tropfen zielgerecht zu verteilen. Heiss wird das Wasser aber auch nur dann, wenn man sich langsam "annaehert". Also Wasser volle Kanne auf, laufen lassen und gaaanz langsam zurueckdrehen, bis die gewuenschte Temperatur erreicht ist.

Bei diesem Duschen ist darueberhinaus Schnelligkeit gefragt, denn nach einem nicht berechenbaren Zeitraum (zwischen 5 Sekunden und maximal 2 Minuten) springt entweder die Ueberhitzungsfunktion im Zauberkasten an oder die Sicherung fliegt raus. Die Folgen sind in beiden Faellen gleich: das Wasser wird eiskalt. Um es wieder heiss zu bekommen hilft nur: Wasser voll aufdrehen, warten, mit Geduld Stueck fuer Stuck zurueckdrehen, Troepfchenduschen. Ueberfluessig zu erwaehnen, dass das Wasser grundsaetzlich dann kalt wird, wenn man sich gerade eingeseift hat oder schlimmer die Haare voller Shampoo sind.

So kommt es, dass Hotels mit Duschen, deren Wasser mit Gas oder Holz erhitzt wird, zwischen Reisenden wie Geheimtips gehandelt werden. So nach dem Motto "Wenn ihr mal wieder richtig duschen wollt...".

Fuer alle, die hier nur den maulenden Luxusurlauber herauslesen, sei zur Sicherheit erwaehnt: Wir freuen uns grundsaetzlich ueber den Luxus jeder Dusche und sind gluecklich, dass die Zauberapparate die handgrossen Bosch-Sicherungsschalter ersetzt haben. Mit denen musste man vor 5 Jahren den Stromkreis zur Wassererwaermung schliessen - grundsaetzlich bei bereits laufender Dusche.

Beim Fruehstuck verschwinden die letzten blauen Himmelsloecher und werden ersetzt durch eine dicke graue Wolkendecke. Gegen Mittag faengt es an zu schneien. Nach der Besichtigung der Casa de la Moneda fluechten wir in ein Restaurant mit Heizstrahler. Und bleiben dort bis 16.00 Uhr. Es ist unterhaltsam. Wir treffen Laura. Sie wartet auf Oliver. Der kommt mit ziemlicher Verspaetung frierend, kraftlos und nass ine einem Ganzkoerpergummianzug ins Restaurant gewankt. Er war in der Mine.

Also nochmal zurueck zum Bergbau in Potosi. Die Hauptattraktion fuer Touristen ist eben der vorher beschrieben Cerro Rico. Waehrend die Bergarbeiter schuften, duerfen die Touristen zuschauen. Zwei Stunden im Entenwatschelgang durch den Staub des aktiven Bergbaus mit garantierten Dynamitexplosionen. Nichts fuer Menschen, die im Fahrstuhl Platzangst bekommen. Aber wenn man doch schon mal da ist... Die Story von Oliver war fuer uns eine grosse Hilfe zur Selbstfindung. Nach der Krabbeltour fiel in seinem Fall nur der Bus aus (fast normal in Bolivien) und die Rueckfahrt erfolgte auf der offen Ladeflaeche eines vollen Gesteinlasters - im Schneesturm.

Wir verzichten auf dieses Abenteuer und besichtigen stattdessen am Spaetnachmittag noch ein Kloster. Es kommt Weihnachtsstimmung auf. Verschneite Baeume, dunkler Nachmittag, geschmueckte Kirchen und die Nonnen backen statt Guatsle Marzipanstuckchen. Danach gehts zurueck zum Heizstrahler.

Einschub "Guenstiger Skifahren"

Reisen bildet. Wir haben neue Ideen, wie man selbst im Euro-Schilling-Nepp-Nachbarland guenstig seinen Skiurlaub verbringen kann. Nach dem Tag auf der Piste mit abschliessendem Schnaps im Rondell geht man ueblicherweise in das gut beheizte Pensionszimmer zum Aufwaermen. Bolivien im Winter zeigt: Dies ist nicht notwendig. Angezogen ist man doch schon richtig und im Rondell gibts bestimmt auch was warmes zum Essen - Wuerstchen oder so. Wenn dann der Barkeeper nach Hause gehen will, laesst man sich den Schlussel geben und rollt seinen Schlafsack aus. Nachts braucht man doch keine Heizung und morgens seid ihr die ersten auf der Piste oder in der Bar - je nach persoenlicher Praeferenz.

Unglaublich aber wahr. Potosi verabschiedet uns mit Sonne. Wir klettern auf einen Kirchturm, geniessen die Aussicht und steigen voller Hoffnung auf Waerme in den Bus nach Sucre. Sucre liegt bescheidene 2750 m hoch und soll ein mildes Klima haben. Als wir ankommen liegen wir mit unserer Einschaetzung voellig auseinander: Kathrin gefallen die weissen Haeuser, Martin friert beim Anblick der grauen Wolken.

In Sucre hat auch unser Fuch-und-Hase Spiel ein Ende. Wir treffen uns - geplant - mit Silke. Nachdem Kathrin Recht behalten hat und die Wolken sich verzogen haben, werden es angenehme Tage in der Sonne. Wir erzaehlen, kochen, trinken mal wieder eine Flasche Wein und besichtigen massvoll. Die formale Hauptstadt Boliviens wirkt so gar nicht wie eine suedamerikanische Grossstadt. Alles ist aufgeraeumt, herausgeputzt und geordnet, fast europaeisch. Nur Fruehstueck gibt es nirgendwo, dafuer Palmen auf dem Plaza Mayor. Sommer!!!!! Highlight ist auch hier wieder eine Klosterbesichtigung mit "Examen" zum Abschluss. "Wer ist der Herr im gruen-roten Gewand neben Jesus?", "Wie heisst der Engel mit dem Helm?". Und nicht zu vergessen das droehnende Ave-Maria des schweiz-bolivianischen Padres. Auch spanisch kann man mit schweizer Akzent sprechen.

Naechstes Ziel Titikakasee. Der liegt von Sucre ca. 1500 km nordwestlich und bei der zu Beginn beschriebenen Infrastruktur ist das ein Stueck. Zurueck nach Potosi - problemlos am Abend. Am Morgen weiter nach La Paz - 11 Stunden Hannibal mit Unterhaltungsprogramm der Busgesellschaft. Wir haben naemlich Karten fuer den segundo Bus (der Zweite) und stehen trotzdem europaeisch puenktlich umd 6.30 Uhr im Gefrierschrank Busterminal. Abfahrt 7.00 Uhr. Der primero Bus (der Erste) kommt so gegen 8.15 Uhr am Terminal an. Die Verkehrspolizei ist der Ueberzeugung, dass die Busgesellschaft gar keinen zweiten Bus besitzt, der Fahrkartenverkaeufer hat sein Buero zur Sicherheit vor der aufgebrachten Meute fluchtartig verlassen. Gegen 9.00 Uhr kommt doch noch ein segundo Bus. Sieht aus wie vom Schrottplatz reaktiviert. Beim Einsteigen kommt es dann beinahe zur handgreiflichen Auseinandersetzung mit der Staatsgewalt. Die Bolivianer sind stinksauer und weigern sich, die Terminalsteuer zu entrichten. Der Rest des Tages verlaeuft holprig - Hannibal eben. Ach ja - fuer die letzten 150 km mussten wir umsteigen. Der neue Bus erreichte La Paz mit letzter Kraft im Schneckentempo. Getriebe...

Aber wir sind ja auf dem Weg zum See und nicht nur Busgesellschaften haben ihre Macken. Auch der Nachtisch hatte ein Eigenleben und Schwaben essen alles, was auf den Tisch kommt. Martin erlebt einen Tag mit Gliederschmerzen, 39 Grad Fieber, Kopfweh, Rueckenweh und Durchfall. Aber alles hat im Nachhinein seine guten Seiten. Wir lernen einen richtig freundlichen Arzt mit Namen Hartmann kennen. Ein aelterer grauhaariger Herr mit grosser Brille und dunklem Anzug. Sein Grossvater kam aus Stuttgart und er hat fast schon mehr von Deutschland gesehen als wir. Dafuer war er noch nicht in Uyuni - ist ja auch kalt dort. Die Diagnose: staphilokokkus irgendwasus. Nach einem fuerchterlichen Tag scheint gerade wieder die Sonne.

In La Paz sind wir uebrigens schon fast zu Hause. Wir treffen den Daenen aus Uyuni vor dem Kino, Pascal und Denise vor der Haus aeh Hoteltuer, Waescherei- und Hotelfrau freuen sich schon auf uns und Kathrin verbringt den Nachmittag bei Brot und Tee mit den Damen vom angrenzenden Artesania-Shop. Bei dem Wetter traut sich ja sonst kein Tourist auf die Strasse.