Ya basta! Schluss mit der Kaelte!

La Paz, Choro-Trail, Coroico (20.07.-24.07.2002)

Nach dem Schneesturm auf Isla del Sol und zwei wolkigen Tagen in La Paz wagen wir es schon gar nicht mehr an Sonne zu denken. Klimaerprobt und schlechtwetterverachtend planen wir fuer Samstag den Abmarsch aus dem Altiplano zu Fuss. In drei Tagen werden wir 3.800 Hoehenmeter hinter uns lassen und in den subtropischen Yungas ankommen. Werden wir Kaelte gegen Regen eintauschen? Gegen Moskitos auf alle Faelle. Der Weg: ein praekolumbianischer Handelspfad auf dem seit Jahrhunderten die Lamas Kartoffeln des Hochlandes runter und die Zitrusfruechte des Tieflandes raufschleppen. Nicht zu vergessen die Kokablaetter fuer die Campesinos und Mineros. Heute schleppen Touristen Rucksaecke mit Outdoorausruestung und Koeche deren Verpflegung.

Am Samstagmorgen dann DIE Ueberraschung. Es ist keine Wolke am Himmel und dieser Text entsteht am vierten aufeinanderfolgenden Sonnentag am Strand des eiskalten Pools in Coroico.

Mit Abram begruesst uns unser bewaehrter Bergfuehrer von der Condoriri-Frier-Tour - beinahe schon ein guter Freund. Eigentlich kann nichts mehr schiefgehen. Und - untypisch fuer Bolivien - es geht nichts mehr schief.

Der Minibus faehrt uns von La Paz (3.600 m) bis auf die Passhoehe der Hauptstrasse La Paz - Yungas, genannt El Cumbre auf 4.600 m. Die Einheimischen kennen den folgenden Streckenabschnitt hinab ins Tal besser unter dem Namen La Carretera de la Muerte. Aber wir gehen ja zu Fuss... Am Eingang des Nationalparks erleben wir das uebliche Spiel: Irgendeiner unserer Crew kennt den Ranger sehr gut und wir duerfen auf dem Feldweg noch einige Kilometer weiter fahren. Es werden so um die 200 Hoehenmeter auf verschneiter Strecke. Und mit dem Reifenprofil wuerde Michael Schuhmacher hoechstens in Monza im Hochsommer seine Runden drehen. Dann raus aus dem Bus, rein in den eisigen Wind, drei Fleecepullis und Handschuhe uebergezogen, vor dem Erfrieren noch einige Fotos geschossen und nichts wie rauf auf die Passhoehe auf 4.900 m. Rekord und unsere tibetanischen Gebetsfahnen druecken uns die Daumen. Dahinter stuerzt sich der Altiplano steil und endgueltig ueber die Yungas in den Amazonas.

In den folgenden drei Tagen wird es mit jeder Stunde waermer und gruener. Gegen Ende des ersten Tages erreichen wir die Vegetationsgrenze. Nach fuenf Wochen beige-braunem Altiplano tun die paar Buesche und erst recht die paar Quadradtmeter gruene Wiese unheimlich gut. Am Abend stehen unsere Zelte am Ufer eines reisenden Gebirgsbaches und wir sitzen tatsaechlich noch nach Sonnenuntergang im Freien - unglaublich. Zum Abendessen gibt es ein waermendes Feuer und zum Tagesausklang eine Weinflasche mit Kaesewuerfelchen. Ein Serviervorschlag der Agenturmitarbeiterin an unseren Koch. Die Kueche findet es lustig und wir geniessen ein Stueck eurpaeische Kultur.

Am Folgetag der naechste Schritt zum richtigen Urlaub. Wir beginnen den Wandertag im T-Shirt. Ueber halsbrecherische Haengebruecken und mittlerweile in vollkommen bewaldeten Haengen stuerzen wir uns weiter ins Tal. Zum Beweis der Klimaveraenderung tauchen die ersten Bananenstauden und Moskitos auf. Unser Weg schlaengelt sich jetzt auf halber Hanghoehe so ungefaehr 200 Hoehenmeter ueber dem Talgrund entlang. Die gelegentlichen Felder der Campesinos rechts und links vom Weg liegen fuer unsere Verhaeltnisse senkrecht im Hang. Die Schwerkraft wirkt hier wohl anders. Am zweiten Uebernachtungsplatz duerfen wir den Blick ins Tal direkt vom Zelt aus geniessen. Viel mehr Platz neben uns ist nicht mehr.

Das ist uebrigens der einzige Weg ins Tal. Die Einheimischen kennen sich untereinander somit sehr gut. Wir erleben den ganzen Tag herzliche Begruessungsszenen und duerfen daran teilhaben. Auf dem Weg zum Einkaufen lauft man zwangslaufig durchs offene Wohnzimmer aller Nachbarn. Zwei Tage zum naechsten Markt und wieder zwei Tage bergauf zurueck. Ist nichts mit schnell mal was einkaufen.

Am Abend zieht eine viel beachtete Gruppe mit Spitzhacke, Schaufeln, Kuechenutensilien und einem Lama an uns vorueber. So war es wohl bei Onkel Dagobert in Klondike. Sie sind auf dem Weg zum Goldsuchen und werden am Tag darauf das Blut des Lama fuer ihren Erfolg beim Schuerfen opfern. Wenn das so einfach waere, dann waere Bolivien ein reiches Land...

Jetzt wird es richtig warm. Das Ende der Wanderung - Chairo - liegt auf nur noch 1.100 m. Die Sonne hat schon Kraft, wenn man sie nur laesst. Unterwegs wohnt an einem wunderschoenen Garten seit 42 Jahren ein Exil-Japaner. Wir tragen uns in seinem Gaestebuch ein und er zeigt uns stolz auf handgemalten Karten die Herkunft seiner Gaeste. Aus Suedspanien kam noch nie einer... Am fruehen Nachmittag erreichen wir dann ganz schoen geschaft Chairo. Aber das Abenteuer geht weiter. Fast eine Stunde Fahrt auf der Ladeflaeche eines Pick-Up mit 19 Personen, Gepaeck und einem selbstmordgefaehrdeten Welpen. Er fand Autofahren nicht so toll. Wir schon. Es rumpelt in bedenklicher Schieflage durch Baeche und unser Faherer klettert im Staub der Baustellen nach Coroico. Jetzt sind wir am Ziel. Abram sehen wir vielleicht auf dem Berlinamarathon wieder. Eingeladen haben wir ihn und an seiner Kondition wird es nicht fehlen. Er trainiert Sonntag morgens auf der Autopista nach El Alto - bergauf.....

Mit Coroico haben wir wieder einen bolivianischen Urlauberort erwischt. Doch welch Unterschied zu Copacabana. Die Menschen sind in Shorts unterwegs und fuer ein paar Bolivianos gibt es ein Hotel mit Pool. Abends haben wir erstmals die Wahl zwischen ALLEN Restaurants und nicht nur zwischen jenen mit geschlossener Tuer und Heizung. Das Dorf liegt phantastisch auf einem Berghang mit Blick auf das Tal unserer Wanderung und auf die schneebedeckten Gipfel des Altiplano. La Paz wirkt unendlich weit entfernt und dabei sind es nur 80 km Bergfahrt. Wann wir uns vom Pool trennen ist noch ungewiss und in Gedanken war Martin alle drei Tage auf dem Fest in Deizisau.

Einige Tage spaeter: Wir haben zwei volle Tage am Pool verbracht und wurden schon gefragt, ob wir denn gar nicht wandern gehen wollten.... Die Abende konnten wir im Restaurant der Exilfranzosen geniessen. Mitten in der Bananen- und Orangenplantage. Zum Fruehstueck gabs Brot beim deutschen Exilbaecker. Leider keine Laugen - er ist Rheinlaender und FC-Fan.