Chronik einer Busfahrt

on the road zwischen Coroico und Rurrenabaque (24./25.07.2002)

Busfahren hat in Bolivien immer ein bisschen mit Gluecksspiel zu tun ( siehe auch die Reise zwischen Potosi und Oruro). Fuer unsere Fahrt von Coroico nach Rurrenabaque (geschaetzte Fahrzeit 16 Stunden ueber ungeteerte Strassen) koennen wir uns zwischen drei unterschiedlichen Busunternehmen entscheiden. Der Fahrpreis ist bei allen gleich und auch die geplante Abfahrtzeit ist identisch. Die Busse verlassen La Paz um 13:00 Uhr und passieren Yolosa, ein kleines, staubiges Strassennest 7 km von Coroico entfernt, etwa 3 Stunden spaeter.

Wir entscheiden uns fuer das Unternehmen, dass bereits unseren "Klein-Kram", den wir nicht mit auf die Wanderung genommen hatten (ein bescheidener blauer Plastik Sack mit dem Volumen von einem Zentner Kartoffeln) erfolgreich transportiert hatte. Um 12:30 soll es los gehen - wir sind gespannt!

12:10 Uhr
Wir kommen schwer bepackt am Buero der Busgesellschaft an. Bis zur Abfahrt bleibt noch ein bisschen Zeit, wir setzen uns auf die Plaza und betrachten das Touri-Gewimmel. Ausser uns wollen an diesem Tag mindestens 25 weitere Touristen nach Rurrenabaque (kurz Rurre genannt). Aber offensichtlich haben die sich fuer eine Fahrt mit einer der anderen beiden Busgesellschaften entschieden. Warum bloss?

12:30 Uhr
Draussen steigen die anderen Touristen auf 2 Camionettas (Pick-Ups), die sie ins Tal nach Yolosa bringen sollen. Es ist schon ziemlich voll auf den Ladeflaechen. Wir stehen etwas unruhig im Buero "unserer" Busgesellschaft und versuchen herauszufinden, ob wir uns auch mit um einen Platz auf dem Pick up bemuehen sollen... Die Dame hinterm Schalter ist am Telefonieren und laesst sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Erst nach massiven "Stoerfunk" erklaert sie uns, dass sie uns mit einer spaeter abfahrenden Camionetta ins Tal bringen werden. Wir sollen doch bitte um 13:00 wieder im Buero sein. Wir wandern noch einmal zurueck in die "Backstube", ein von einem Deutschen betriebenes Cafe und trinken eine Cola. Martin schwelgt in Erinnerungen an die deutsche Kueche und bekommt dann doch tatsaechlich vom Ober eine frisch gebratene BRATWURST geschenkt! Die erste Bratwurst seit Ende April - das kann nur ein guter Tag werden!

13:05 Uhr
Mit ein bisschen Verspaetung trudeln wir wieder im Bus-Buero ein. Ganz hektisch winkt uns die Dame aus dem Buero von der Ecke entgegen: "Schnell, schnell, die Rucksaecke! Die Camionetta wartet schon!"
Na bitte, klappt doch.
Als wir um die Ecke biegen, trifft uns fast der Schlag: auf der Ladeflaeche warten mindestens 25 Grundschueler auf die Abfahrt. Wir fahren mit dem Schultransport! Kurz vor der Abfahrt drueckt uns die Dame aus dem Buero noch einen Zettel in die Hand. Darauf steht, dass wir in Yolosa auf einen rot-weissen Bus der Firma Unificados warten sollen. Na, dann kann ja fast nichts mehr schief gehen! Es gibt ein ziemliches Geschubse auf der Ladeflaeche der Camionetta. Jeder will sich mal an den Fleecepulli der Gringa kuscheln. Sitzplaetze? Anschnallen? Ist doch so viel lustiger! Ausserdem kann die Camionetta bei den vielen Schlagloechern auf der kurvigen Strasse sowieso nur im Schritttempo fahren. Kann also gar nichts passieren! Zumal einer unserer Mitreisenden seine Schultrompete mit nach Hause nehmen duerfte. Vor jeder Kurve gibt es ein kurzes "Hallali" - es wird eine wirklich lustige Fahrt.

Fast 14:00 Uhr
Wir kommen in Yolosa an und draengeln uns neben eine Gruppe bereits wartender Israelis in den Schatten. Wir haben uns genau vor der Tuer des Strassenkontrollpunktes postiert. Hier muss jeder passierende Bus und auch jeder LKW anhalten und der Fahrer muss seine Papiere vorzeigen. Waehrenddessen springen dann mindesten 15 Frauen und Maedchen vor den Fenstern der Busse herum und verkaufen Getraenke, Suessigkeiten und Obst. Jedesmal, wenn ein Fahrzeug haelt, geht es also ganz schoen hektisch zu. Dazwischen verkruemeln sich alle immer wieder in den Schatten und doesen in der staubigen Mittagshitze vor sich hin.

14:30 Uhr
Ein Kleinbusfahrer fragt nach unseren Namen. Er hat eine neue Information fuer uns. Statt auf einen rot-weissen Bus zu warten, sollen wir jetzt in den Bus mit dem Kennzeichen CKT442 einsteigen. Weitere Bezeichnung unbekannt. Das klingt nicht sehr vertrauenserweckend...

15:30 Uhr
Inzwischen ist jeder von uns die dreckigen 500m Durchgangsstrasse mindestens zweimal rauf und runter gelaufen. Ausser einer endlosen Reihe kleiner Restaurants (mit jeweils 1 Tisch, Theke und kleiner Kueche dahinter) und eine paar Staenden mit Suessigkeiten gibt es ueberhaupt nichts zu entdecken. Wer hier das erste Internet-Cafe aufmacht, hat ne Goldgrube gefunden.

16:00 Uhr
In den letzten 15 min. sind die Busse der beiden anderen Gesellschaften angekommen und wieder abgefahren. Unsere Vermutung hat sich bestaetigt: alle anderen Touristen sind weg. Nur vom Bus unserer Gesellschaft ist noch immer nichts zu sehen. Ziemlich genervt sitzen wir am Strassenrand. Wenn er bis in einer halben Stunde nicht da ist....

17:00 Uhr
Immer noch kein Bus. Der Versuch, bei der Busgesellschaft anzurufen und nachzufragen ist gescheitert. Das eine Telefon des Ortes ist kaputt und das andere funktioniert nicht. Mit ein paar Keksen versuchen wir die Zeit totzuschlagen.

17:30 Uhr
Die Nerven liegen blank. Ich habe mich mit einem Busfahrer unserer Gesellschaft angelegt, der in der Gegenrichtung unterwegs war. Eigentlich wollte ich nur sein Handy haben, um im Buero der Gesellschaft anzurufen. Ausgeartet ist das Ganze in ein ziemliches Gebruelle, dass ich mangels Vokabular mit deutschen Schimpfwoertern beenden musste.

17:45 Uhr
Wir haben die Schnauze voll! Wir sitzen wieder auf der Camionetta, die zurueck nach Coroico faehrt. Wir wollen noch eine Nacht bleiben und es dann morgen noch einmal versuchen - dann aber mit einer anderen Busgesellschaft. Genau in dem Moment, in dem die Camionetta anfaehrt, biegt mit lautem Gehupe ein wahres Klappergestell um die Ecke: Unser Bus.

Etwas wehmuetig springen wir wieder von der Camionetta, sammeln die Rucksaecke ein und wechseln in den Bus. Da trifft uns dann zum zweiten Mal an diesem Tag der Schlag: Gegen dieses Modell war das Gefaehrt zwischen Potosi und Oruro Luxus! 1 Fenster fehlt, mindestens zwei sind mit Plane verklebt. Die Plastiksitze sind aufgeschlitzt und beim Hinsetzen faellt man fast bis auf das Bodenblech. Die Fensterscheiben klappern, wo noch vorhanden, fuerchterlich und die Gangschaltung ist kaputt. Einziger Vorteil: ungefaehr ein Viertel der Sitze sind unbesetzt, wir haben also ein bisschen Platz.

ca. 20:00 Uhr
Der Busfahrer hat sich auf der nach europaischen Verhaeltnissen eigentlich einspurigen Strasse in die Enge manoevriert. Er steht schraeg auf der Strasse, rechts 30 cm bis zur Felswand, links 30 cm bis zum Abgrund. Vor ihm ein LKW, der an der Innenseite der Fahrbahn bergauf will und hinter uns ein LKW, der, wie wir, bergab unterwegs ist. Auf der Staubstrasse ist in der Dunkelheit schwer zu erkennen, wann der Rand der Strasse erreicht ist. Und da ein feinfuehliges Manovrieren ja aufgrund der kaputten Schaltung nicht moeglich ist, verlassen unsere bolivianischen Mitreisenden aus Angst vor einem Absturz den Bus. Und wenn Bolivianer schon mal aussteigen....dann aber nix wie hinterher!

20:10 Uhr
Der Busfahrer hat es geschafft, den gordischen Knoten ohne einen Absturz zu meistern. Unser Aussteigen hat ihn aber offensichtlich tief gekraenkt. Er raecht sich, in dem er uns nicht gleich wieder einsteigen laesst, sondern auf der staubigen Strasse erst einmal an uns vorbei braust und uns 200m hinter dem Bus herrennen laesst...MAENNER!

21:30 Uhr
Abendessen in einer Kleinstadt. Die Busfahrer fummeln an der Gangschaltung. Danach laeuft es schlechter als zuvor. Wir huepfen mitten ueber die Hauptstrasse, dreimal saeuft der Motor ab - bolivian style.

23:30 Uhr
Die Bus passiert einen Drogenkontrollposten. Waehrend ein Soldat auf dem Dach des Busses mit einer langen Nadel Proben aus den aufgeladenen Saecken nimmt, machen im Bus zwei Kollegen Taschenkontrolle. Bei meinem kleinen Tagesrucksack wird der Kontrolleur ploetzlich ganz hektisch. Er raeumt ihn bis zur untersten Lage aus - und findet ein Paeckchen Waschpulver!

01:00 Uhr
Wir bleiben irgendwo im Nirgendwo stehen. Unsere 2 Busfahrer reparieren den Bus. Es geht um die Hydraulik. Irgendwas erreicht nur 70% und steigt nicht mehr. Sie "pumpen" wie wild und bruellen sich gegenseitig die Ergebnisse zu (einer unter dem Bus, der andere auf dem Fahrersitz). Immerhin klappert waehrend dieser Pause nichts und der muede Kopf haut nicht staendig an die Fensterscheibe.

ca. 02:30 Uhr
Wir fahren weiter.

06:00 Uhr
Es wird langsam hell. Die Berge sind einer flachen Palmenlandschaft gewichen, es ist gruen, ueberall grasen Rinder. Die Strasse ist jetzt zwar nicht mehr gefaehrlich, aber dafuer um so hubbeliger. Wie bin ich bloss auf den Gedanken gekommen, dass man auf ebener Strecke schneller vorankommen koennte?

kurz vor 10:00 Uhr
Dreckig, uebermuedet und wahrlich geraedert kommen wir in Rurre an - schoen hier!