Pampas Punch und Dschungel Blues

Rurrenabaque (26.07.-05.08.2002)

Rurrenabaque, kurz Rurre, liegt auf nur noch 170 Hoehenmetern zu Fuessen der letzten Huegelchen vor der Amazonasmuendung und am Ufer des Rio Beni. Die Stadt ist eigenlich ein Dorf aber wenn hunderte von Kilometern drumherum nichts ausser Rinderfarmen und Ansammlungen von Rinderfarmen liegen, sind 10.000 Einwohner auch schon eine Zahl. Es gibt tatsaechlich eine asfaltierte Strasse, an der zweiten wird heftig gebaut, die gruene Plaza liegt entspannt am Rande des Zentrums und die grosse Welt laesst die kleine hier ziemlich in Ruhe. Wir biegen um die Ecke der Gringo-Hauptstrasse und setzen und zu Pascal und Denise an den Fruehstueckstisch. Die Welt ist ein Dorf.

Hotels waehlt man hier in erster Linie nach den Haengemattenplatz aus. Er liegt meist im Innenhof, ist von Palmblaettern beschattet und all das, was man fuer das Leben in Rurre braucht. Hier lassen wir sanft schaukelnd unsere Innereien nach 16 Stunden Busholpern wieder an den richtigen Platz rutschen und holen das bus-lag der Nachtfahrt auf. Dawischen ist Einkaufen angesagt. Das erste Ziel: der 3-taegige Pampas-Trip.

Was ist Pampa? Eine ganz einfache Erklaerung kommt aus Peru von vor 5 Jahren. Kathrin hat einer mitreisenden Peruanerin auf dem Weg nach Machu Pichu die nordeutsche Tiefebene erklaert. Die Reaktion war eine wissendes - aah, Pampa. Es geht also im weitesten Sinne nach Celle.

Wir haben zwei Empfehlungen fuer Touranbieter, einen eigenen Kopf und wollen nicht mit dem nervigen Daenen und den neun Israelis unterwegs sein. Die Entscheidung faellt - wie sollte es auch anders sein - fuer den eigenen Kopf und wir werden mit dem Daenen und allen Israelis unterwegs sein...

Auch hier gibt es Italiener und somit bereiten wir uns am Abend bei Spagetthi und Pizza mit den Stories der Schweizer auf die Tage in der Natur vor. Nach dem Fruehstueck dann wohl der endgueltige Abschied von unseren Schweizer Freunden. Obwohl.... Die folgende vierstuendige Jeepfahrt kann wohl nur Martin so richtig geniessen. Auf dem Beifahrersitz kann man sich die Unbequemlichkeiten der hinten sitzenden so gar nicht vorstellen. Warum die Englaender unserer Reisegruppe auf der Bank im Laderaum so zerknautscht aus dem Jeep klettern, duerfen wir auf dem Rueckweg erleben. Es geht auf rotbrauner Dschungelpiste nach Norden. Die tiefen Furchen der LKWs lassen erahnen, warum der Reisefuehrer schreibt: "Be prepared to work in the wet-season."

Das Transportmittel der naechsten Tage ist das Boot. Ein ca. 12m langes Holzschiff fuer 9 Personen mit Aussenborder. In der Pampa geht es zu wie im Safaripark. Kaimane gaehnen am Ufer, Capivaris posieren am Strand, Reiher stehen im Wasser, farbige Voegel kurven darueber hinweg, Adler kreisen hungrig, Affen warten auf Bananen, Flussdelfine rauschen vorueber. Freut euch auf viele Kaimanbilder.

UEbernachtet wird im Camp und hier hat bei unserer Reiseagentur das Naturerlebnis keine Chance. Die 40 Touristen auf einem Haufen in Kombination mit fehlenden Betten und zu wenig Essensplaetzen lassen diesen Teil der Tage zu einer Massenveranstaltung werden.

Auf dem Programm des naechsten Tages steht Schlangensfangen. Auf riesigen flachen abgeholzten Flaechen grasen im huefthohen Pampasgras Rinder. Dazwischen liegen immer wieder kleine Fluesse, Seen und Sumpfgebiete. Wir erinnern uns an Norddeutschland. Wie beim Schulausflug folgt die Touristenherde ihren Fuehrern. Fast jedenfalls. Die steigen naemlich bei jeder Gelegenheit in den knietiefen Morast. Ziel ist die im Wasser lebende Wuergeschlange Anaconda und die im Gras beheimatete giftige Kobra. Es dauert eine ganze Weile und schliesslich leihen wir uns von der Konkurrenz (die sind nur zu fuenft unterwegs!!!!) eine 3 bis 4 m lange Anaconda und Guido, unser Fuehrer, faengt eine einmetersechzig Kobra. Schlangenstreicheln. Schon spannend.

Nachmittags dann schwimmen mit Delfinen. Die Kaimane schauen vom anderen Ufer interessiert zu. Angeblich fressen die nur nachts. Danach Piranhaangeln. Wir fischen Unmengen von 5 cm Sardinen. Der Erfolg mit dem Piranha bleibt unserem japanischen Sushi-Experten Hiro am Abend beim eigenmaechtigen Fischen mit seiner Reise-Profi-Angel vorbehalten. Frittiert schmecken die Sardinen aber gar nicht schlecht.

Nachts geht es dann zu den Kaimanen. Sie fressen doch nur nachts und wir wollen einen fangen. Vom Boot aus blinzeln uns im Licht der Taschenlampen Unmengen roter Augen an. Der erste Fang ist ein Babykaiman. Der zweite soll groesser werden. Nach langer Suche springt Guido vom Boot ins Gestruepp. Wir lassen uns was einfallen, wie wir das Boot am Ufer halten. Es knirscht, Taschenlampen blitzen durch Unterholz und es ertoent ein quakender Laut. Ruft der Kaiman jetzt seine Freunde zum Festmahl oder sieht er sich gerade als Handtasche enden? Nach langen Sekunden des Wartens schleift Guido ein einmehterfuenfzig Exemplar an der Gurgel durchs Wasser. Kaimanstreicheln. Ich waere am Bauch kitzelig und wenn die japansiche Technik funktioniert, gibt es dazu bald ein Bild.

Am letzten Tag stehen Affen auf dem Programm. Die kleinen gelben schicken einen mutigen ganz in die vordersten Aeste. Wenn das Touristenboot sich naehert, faengt der an laut zu schreien und mit den AEsten Radau zu machen. Erwartungsgemaess bremst das Touristenboot sofort, legt an und spuckt mit Bananen bewaffnete Touristen aus. Jetzt stuerzt sich einer nach dem anderen der Affenherde auf die hingestreckte Banane. Die sind tatsaechlich richtig heiss auf Bananen. Haette ich nicht gedacht.

Auf der Rueckfahrt tauschen wir die Plaetze im Jeep. Die Englaender sitzen jetzt vorne und wir im Heck. Staubiger kann es auch in den Minen Potosis nicht mehr sein. Die Dusche wird zur Fata Morgana am Strassenrand. Abschliessend zu unserem Trip darf sich Kathrin noch ueber eine Flasche Wein und Caramelos freuen. Hart verdient als UEbersetzerin ohne Absprache und immer wieder zwischen den Fronten. Wann gibt's Fruehstueck? Warum gibt es keinen Salat? Wo ist ueberhaupt der englisch-sprechende Fuehrer? Im Konfliktfall ist der Mittler schnell der Depp und in Suedamerika sind spanisch-speaking tourists haeufiger als englisch-speaking guides.

Jetzt aber zum Pampas-Punch und Dschungel-Blues. Wenn der Gringo in Rurre am Abend die Haengematte verlaesst, ist sein Ziel die Moskito-Bar. Dort angekommen bestellt er Cocktails in der Happy Hour - zum Beispiel den besagten Pampas Punch - und hoert Classic Rock und Blues unter freiem Himmel. Das ist Leben in den Tropen. Unser naechster Tag gehoert wieder der Haengematte und das Schaukelprogramm wird lediglich zum Buchen der Dschungeltour unterbrochen. Dieses mal folgen wir der Empfehlung.

Die Erfahrungen mit der Pampas Tour machen es spannend. Das Boot ist voll mit 13 Touristen, dem Reparieren des Aussenborders duerfen wir zuschauen. Als es dann endlich losgeht, folgt eine richtig schoene vierstuendige Bootsfahrt. Es geht an den ersten Huegeln vorbei in den Nationalpark Alto Madidi. Angekommen im Camp trennt sich die Gruppe in 11 Zweitagestouristen und uns zwei mit 4 Dschungeltagen. Beneiden tut uns keiner. Die Moskitos machen ihren Job gut. Fuer uns kommt es wie erhofft. Fuehrer Jose, Koechin Flora, wir beide und sonst keiner.

Zuallererst passen wir die Essensmenge auf die Groesse unserer Rucksaecke an. Nichts mit gewichtssparender Outdoornahrung - Wuerstchendosen, Kohlkoepfe, Marmeladenglaeser. Zu Gunsten des Gewichts meinen wir auf kulinarische Hoehepunkte verzichten zu muessen. Aber Dschungelkoechinen verstehen ihren Beruf. Es gibt Pfannkuchen mit Schokoladecreme und Erdbeermarmelade zum Fruehstueck, Ensalada Russa zum Mittagessen und Schnitzel zum Abendessen. Hoehepunkt ist am letzten Tag Floras Kuchen. Gebacken auf Holzfeuer. Die Entbehrungen des Dschungellebens fuehren zu einer Gewichtszunahme. Floras Sterne-Dschungel Kueche war auch mit gekuerzten Vorraeten herausragend.

Von Jose lernen wir die aktuellen Schnulzen-Schlagertexte, das Partyverhalten in Rurre - freitags suchen, samstags zusammen weggehen, sonntags scheiden lassen und montags erneut vorbereiten. Dazu alles moegliche ueber Pflanzen und Tierleben. Die Stichworte: Arbol del Viagra, Arbol de la Malaria, Agua de la Selva, Mahagoni, Nachrichtenbaum, Betaeubungswurzel, Curare-Rinde, Kautschukbaum, Palme mit Wundverschluss, Zimtrinde, Palmherzen und diverse artesaniataugliche Nuesse. Wir lassen Affenherden ueber uns hinwegziehen, finden Selva-Hasen, Riesenameisen, handflaechengrosse Schmetterlinge und beeindruckende Jaguar-, Tapir- und Wildschweinspuren.

Abends versuchen wir uns als Fischer. Ja - wir sind im Nationalpark. Es ist ja nur, weil wir sooo wenig zum Essen dabei haben. Martin zieht einen 50 cm Tujun aus dem Wasser, Kathrin...eine Schildkroete. Der Tujun landet in der Kueche, die Schildkroete verschwindet uebergluecklich wieder im Fluss. Die Story erzaehlt Jose bestimmt noch in fuenf Jahren. Das Piranhafischen des naechsten Tages war kein Beitrag zur Ernaehrungssituation. Die eineinviertel Piranhas haben wir in der Hoffnung auf den grossen Fang als Koeder verfuettert...umsonst. Aber zurueck zum Fang des Tages. Der Tujun verschwand klein geschnitzelt und mit Gewuerzen und Knoblauch versehen in einem armdicken Bambusrohr. Dieses wurde mit Palmblaettern verschlossen und ins Feuer gelegt. Kochtopf der Indios. Der Ergebnis war spitze!

Die Tage sind wir bis zu 5 Stunden durch den Wald gewandert, haben ueber Baumstammbruecken Wasserlaeufe ueberquert, sind auf Dschungelhuegel geklettert (Waren da Mayaruinen drunter?) und durchquerten huefttiefe Fluesse durchquert (da helfen auch keine Gore-Tex Schuhe mehr). Abends haben wir aus Moskitonetzen eine Zelt gebaut und auf Isomatten geschlafen. Dschungel pur. Mit dem Sound der Grillen, Froesche und Voegel schlaeft es sich herrlich.

Moskitos gabs natuerlich auch. Tagsueber abgeloest durch die Sandfliegen an den Flussufern. Das ist Dschungel pur auf der Haut. Kathrin kratzt heute noch. Aber koennt ihr euch einen Abend im Fleecepulli und ohne Moskitos mitten im Dschungel vorstellen? Am dritten Tag traf uns die Kaltfront eines Surazos und der Abend war mueckenfrei frisch.

Zurueck in Rurre, "Programm Haengematte". Es waren wunderschoene Tage und mit Jose und Flora haben wir zwei Freunde mehr auf der Welt. Flora ist uebrigens Mutter von 5 Kindern. Die aelteste Tochter fuehrt mit ihren 13 Jahren den Haushalt und erzieht die Geschwister wenn die Mutter arbeiten muss. Auch das ist Suedamerika.

Noch erzaehlen sollten wir vom Club Social Rurrenabaque. Hoert sich an wie Buena Vista Social Club und ist eine Mischung aus Restaurant und Kneipe mit vielen Einheimischen. Unter freiem Himmel am Flussufer. Die Kellner schenken sogar die Colaglaeser nach und die Kueche ist ausgezeichnet. Haut-Cuisine in den Tropen unter millionen von Sternen. Das Fischgericht fuer 3 Euro.

Rurre zu verlassen war schwer. Wir haben es mindestens einen Tag zu frueh getan. Nirgendwo haben wir uns bislang so wohl gefuehlt wir dort, wir haben Freunde gefunden und an wunderschoenen Orten Zeit verbracht. Gerade diese zarten Wurzeln machen eine Reise zum unvergesslichen Erlebniss. Ohne die Arbeit von Carlos, Pepa und selbstverstaendlich Montse an unserem Spanisch waeren solche Erlebnisse nicht moeglich.

Zum Tag der Abreise nur kurze Worte. Der Flug nach St. Cruz de la Sierra in einr 12-sitzigen Cessna bot tolle Blicke ueber die gewundenen Wasserlaeufe des Dschungels. An mehr muessen wir uns nicht erinnern.