Perfektes Reisen auf dem Altiplano

Oruro, Uyuni (24.06.-30.06.2002)

Sich auf dem Altiplano fortzubewegen ist auf den ersten Blick gar nicht schwer. Groesstenteils ist es einfach nur flach und weder Autos noch Busse noch Zuege bekommen die Hoehenkrankheit. Mit dieser Ueberzeugung setzen wir uns in den Bus nach Oruro und freuen uns auf die anschliessende Zugfahrt nach Uyuni - dem Ausgangspunkt fuer Touren ueber den weltgroessten Salzsee. Es scheint alles zu klappen. Doch dann schlaegt fuer uns Infrastruktur- und Zuverlaessigkeitsverwoehnte Europaer Suedamerika wieder zu. Nicht weiter schlimm, der Busfahrer hat in Oruro kein Lust mehr, sein vier verbliebenen Gringos zur letzten Haltestelle auf den Bahnhof zu fahren und charter kurzerhand ein Taxi. Am Bahnhof dann ueberraschte Gesichter der Angestellten: "Hoy no tren". Will heissen, dass der Montagszug warum auch immer nicht faehrt und der naechste dann am Mittwoch abend vielleicht. Zurueck zum Busterminal. Wenn man sich schon mal fuer eine Richtung entschieden hat, dann wiell man da eigentlich auch hin. Also wieder ein Bus durch die kalte Nacht. Diese mal aber mit Heizung und ohne Klimaanlage! Am Nachmittag haben wir dann Zeit, Denise und Pascal kennenzulernen. Es werden richtig schoene Stunden in Oruros erstem Cafe am Platze.

Die unvermeidliche Story zur folgenden Nacht in Kuerze: 20.10 Abfahrt, 20.15 Verlassen der geteerten Strasse, 23.30 Bus sitzt im Sand fest, 0.15 Bus wird von den Passagieren aus dem Sand geschoben, 5.30 eine geteerte Strasse wird erreicht, 5.31 Angekommen in Uyuni, 5.59 im Hostal in den Schlafsack gekrochen, 6.00 Fahnenappell mit Trompete in der benachbarten Kaserne, 6.05 Eingeschlafen. Dazwischen gab es unzaehlige Flussdurchquerungen, Duenenueberschreitungen und als Eskimos verkleidete Bolivianer, die den rappelvollen Bus weiter fuellten. Den Rest des Tages liegen wir im Hof des Hostals in der Sonne und erkunden die 200 m Hauptstrasse. Martins Frage nach dem Zentrum fanden die Einheimischen richtig lustig. Beim Abendessen lassen wir uns von einem Gasheizstrahler auftauen.

Fuer die Salzseetour vergroessert sich unsere Reisegesellschaft. Es steht jetzt Schweiz - Deutschland 4:2. Unser Jeep ist damit wohl neutral... Der Tag ist blau-weiss. Endlose Salzkristalle bis an den strahleblauen Horizont. Unterbrochen nur von vereinzelten Inseln, die in der klaren Luft zum Greifen nahe scheinen. Und dabei faehrt unser Jeep noch ueber eine Stunde mit Tempo 80. Auf den Inseln und spaeter am "Seeufer" wachsen meterhohe und baumdicke Kakteen. Wo waren die in Mexiko und warum gibt es hier keinen Tequila?

Frueher lebten Menschen am Ufer des Sees. Nachmittags besuchen wir ihre freundlich grinsenden Mumien und ihre komfortable zwoelfzimmer Wohnhoehle. Rulamann laesst gruessen. Und heute? In dieser Einsamkeit gibt es Doerfer mit Strom, Wasser, Kirche, Schule und freundlichen Menschen.

Ungefaehr hundert davon leben in Atulce. Unser Jeep biegt umd die Kurve. "Turistas!!!!". Von den Kindern werden wir schon sehnlichst erwartet. Im Nu sind alle Kleinen des Ortes bei uns. Staunen, fragen nach dem Namen, spielen Murmeln mit Kathrin und zeigen Martin, was Einsatz beim Fussball ist. Mir fehlt wie ueblich die Luft fuer kraftvolle Alleingaenge zum Tor.

Der Sonnenuntergang an den Sandduenen des Salzsees ist unvergesslich. Sind wir hier am Atlantik? Die Nacht verbringen wir in einem typischen Andengehoeft: im Hof trocknen die Andenkartoffeln, die Hauschen bestehen aus Erdziegeln und die einzige Heizung ist der kakteenholz-befeuerte Herd der Kueche. Schoen hier!

Direkt nach Sonnenaufgang gehts weiter. Stundenlang durch die wuestenartige Landschaft des Altiplano. Hinauf auf bis zu 4.600 m zu den Lagunen. Durch diese Bergseen stapfen doch tatsaechlich hunderte von Flamingos. Und ich dachte, Flamingos waeren ein Zeichen fuer angenehmes Klima. Die Voegel leben von den Algen des Sees und ihre Federn sind wohl winddichter als Gore-Tex und Fleecepullover zusammen. Vorbei an bizarren Felsformationen erreichen wir unser Nachtquartier an der Laguna Colorada auf 4.300 m. Der See ist knallrot und bietet einen krassen Kontrast zum blauen Himmel und der ockerfarbenen Umgebung. Es ist bitterkalt und die kasernengleichen Baracken verlangen einiges an Phantasie zum Wohlfuehlen (ein ganz persoenliches Dankeschoen an euch alle, die mich aus meinem Kaelteloch geholt haben).

Der folgende Tag hat leider wieder typische Suedamerika-Anteile. Die Jeepgruppen werden neu gemischt. Die meisten fahren ueber die Grenze nach Chile, zwei wollen heute zurueck nach Uyuni, Kathrin und Martin wollen erst am folgen Tag zurueck. Das heisst dann fuer uns Abfahrt um 5.00 Uhr morgens und der Abschied von unseren Schweizer Freunden. Tut etwas weh, gehoert wohl zum Reisen und wir sehen uns wieder. Wir sitzen im Jeep der Heute-Zurueckkehrer und der Tag wird zur Tour-Komprimiert. Es geht alles schneller und anders als mit uns vereinbart (und bezahlt). Fruehstueck und Baden in den Thermalquellen auf 4.600 m bei Sonnenaufgang - Schnapsidee weil saukalt.

Was bleibt wenn der Aerger verfliegt? Die Geysire auf 5.000 m - blubbernde Schlammloecher (sieht aus wie Kathrins Toepfermatsche) und fauchende Schwefeldampfventile (Martins Sikomatik beim Abtauen). Hat so die Erde vor uns ausgesehen? Der riesige rote Bergsee in braeunlich-weisser Umgebung. Die trostlose Arbeitersiedlung der Borax-Mine am allerletzten Ende der Welt. Die Fussballmannschaft angekommen zum Auswaertsspiel am vorletzten Ende der Welt. Die Heimmannschaft mit Kind und Kegel in Fussballtrikots aus allen Ecken des paar Seelen Ortes. Pech fuer den Besitzer des Glasfensters direkt hinter dem Tor...

Unterwegs beschlossen wir dann, die Uebernachtung zu streichen und mit nach Uyuni zurueckzufahren. Ein guter Entschluss unter Abenteuergesichtspunkten. Von der Stadt waren noch keine Anzeichen zu erkennen, als die Sonne so langsam untergehen wollte und unser Fahrer bei jedem geringsten Gefaelle den Motor ausschaltete. Der Sprit ging zur Neige. Hatte Martin am Vortag beim unachtsamen Nachtanken mit dem Suppentopf die perfekte Kalkulation zerstoert? Irgendwann tauchten die Lichter der Stadt am Horzont auf und die Sonne dahinter unter. Noch eine Stunde zu fahren. Wie lange zu laufen???

Schluss war ca. 5 km vor Uyuni. Der Jeep stand, der Fahrer spurtete los, unsere Mitfahrer schnuerten die Wanderstiefel und Kathrin und Martin zaehlten mit der Koechinn die Sterne der Milchstrasse. Ganz schoen dunkel ohne Mond... Nach einer Stunde kommt die Rettungsexpedition und 15 Stunden nach der Abfahrt waren wir am Ziel. Typisch fuer Uyuni - wir vier Tage zuvor wollten wir nur noch ins Bett und die Beine ausstrecken.

Der Tag nach der Tour verlaeuft wie der Tag vor der Tour. Wir sitzen in der Sonne und waschen sackweise Staub aus unseren Winterklammotten. Pausen sind auch beim Reisen schoen und wichtig. Wir freuen uns auf den folgenden faulen Sonntag. Es sind naemlich Wahlen in Bolivien und da darf im ganzen Land kein Fahrzeug unterwegs sein - autofreier Sonntag.

Da sind wir gerade. Das WM-Endspiel haben wir im 30 cm Schwarz-Weiss Fernseher mit Flimmerpause um 7.00 Uhr morgens natuerlich frierend verloren. Danach gehts typisch fuer Uyuni wieder zurueck ins warme Bett. Normalerweise regnet es im Juni/Juli nie...heute schon. Trotzdem irgendwie schoen hier. Kathrin liest im Stern vom 22. Mai ausgehungert nach deutscher Lektuere sogar die Werbung.

Morgen gehts nach Potosi. Laut Busgesellschaft dauert es 5,5 Stunden. Glaubhafte Berichte sprechen von 8-10 Stunden. Es bleibt spannend.

Fast haette ich es vergessen: die Welt ist klein! Warum? Auf der Insel im Salzsee treffen wir Silke, unsere Mitstudentinn aus IBM-Zeiten. Wir wussten, dass sie in Chile ist und sie wusste, dass wir in Bolivien sind. Ein Treffen war ausgemachte Sache. Dass es dann ohne Abstimmungsaufwand klappen sollte hat keiner gedacht. Fuer morgen Abend haben wir uns in Potosi verabredet. Mal sehen ob es klappt...

Nachtrag:
Das Prasseln auf dem Dach hat aufgehoert. Es regnet nicht mehr und ich krieche aus dem Schlafsack um ueber den Hof auf die Toilette zu gehen. Das Oeffnen der Tuer raubt mir auch ohne Hoehe den Atem - es schneit dicke Flocken!!!!!!!